7. Wie’s dann so kommt

Richtig, hatte meine Oma schon oft gesagt: „trautes Glück kommt oft allein“, will heißen, kommt dann, wenn man es am wenigsten erwartet, geplant hat, bedenkt. So auch bei mir, und besonders auf gilt dieses Glück beim … Richtig, beim Kinderkriegen! Es passierte bei einem Ausflug nach Bonn, ich hatte mal wieder die Sonne des Turnschuhkameraden genossen, rein platonisch aber doch wohltuend werbend und dazu gehörte abends in der Bundeshauptstadt auch eine richtige Fete. Und da geschah es halt, Liebe auf den ersten Blick und leidenschaftlich bis zur letzten Minute, bis zur Trennung ein halbes Jahr später, als er reumütig zu seiner Frau zurück. Nein, er trug keine Turnschuhe, er gehörte gar nicht zu dieser Couleur, ganz im Gegenteil, er war auch kein Politiker, er hätte mich auf der Straße sicher gar nicht bemerkt aber so war’s halt passiert. Und was blieb, war ein kleiner Bub, er erfuhr nie davon dass sie auch eine so alte Geschichte ist, wird er’s auch nie mehr erfahren. Dem Jungen hab ich’s nie gesagt, er hat sich auch nicht Darüber gewundert, dass er seinen Papa nie kennenlernte, das war im Frankfurter Westend nichts ungewöhnliches. Ich war eine Alleinerziehende unter vielen, klar, der Kleine war erst in der Krippe, dann im Kindergarten und so den ganzen langen Weg durch das bundesrepublikanische Bildungswesen, bis er dann um die Jahrtausendwende sein Abitur machte, ziemlich früh, er übersprang eine Klasse auf der Grundschule und zwei auf dem Gymnasium. Ob ich ihn besonders gefördert hab? Nein, wann auch, wenn ich abends von der Arbeit nach Haus kam, war ich ziemlich kaputt, mit Halbtagsarbeit hätte ich zu wenig verdient, um ihm angemessene Kleidung und einmal im Jahr wenigstens eine schöne Reise bieten zu können. Das war nicht üblich, die meist meiner Leidensgefährtinnen sackten in die Fraktion Sozialamt ab, also lieber zwei Behördengänge als morgens früh zur Arbeit, denn „mit Arbeit ist der ganze Tag versaut“, so bei vielen das Motto. Das war nicht meine Welt: die Arbeit mit Kindern machte mir Spaß, auch wenn dadurch wenig Zeit und Kraft für meinen Kleinen übrig blieb, aber ich hoffe, ich war doch eine gute Mutter. Ich zumindest war überrascht über mich selbst als Mutter, wie sehr er mir ans Herz wuchs, wie er zum emotionalen Mittelpunkt einer ganzen Lebensphase wurde, mein „Lebenspartner“ für 18 Jahre. Das auch zum aktuellen Streit um Kinderkrippen und Gebärmaschinen und Rabenmütter zu Hause in Deutschland: mehr Krippenplätze sollten zur Verfügung gestellt werden, damit Mütter überhaupt die freie Wahl haben, aber Mütter, die zu Hause bleiben wollen bei den Kindern sollten nicht länger finanziell und in der Altersversorgung benachteiligt bleiben. Bei ihm habe ich nicht beobachten können, dass er Schaden erlitt durch unsere Lebensform, er ist jetzt Student in Karlsruhe, Informatik und Philosophie, macht im Riesenspaß und eine nette Freundin hat er auch, sie wohnen zusammen, heute ja schon selbstverständlich, und wenn wir uns einmal im Jahr sehen, vielleicht hier in der Schweiz beim Skifahren, dann ist er leider sehr distanziert. Aber vielleicht muss das auch so sein, wer weiß das schon genau, diese ganze Phase im Leben eines Menschen zwischen 1 und 25 bleibt ja ein großes Geheimnis. Das ist einerseits gut so, aber andererseits tut’s auch weh. Die Zeit vergeht zu schnell und leicht wird aus Distanziertheit Fremdheit.

Und aus ihm wird, wenn da nicht ein Riesenschwenk passiert, ein braver deutscher Techniker, fleißig, strebsam, diszipliniert, unpolitisch aber nicht unsensibel für politische Probleme. Aber wer ist das heute noch bei dieser Generation, die platzen ja vor Sensibilität wie eine überreife Feige, aber sie haben keine Struktur, keinen Kristallisationspunkt in ihrem Denken. Der könnte ja noch immer die Tatsache sein, dass 75 Prozent der Menschheit in fürchterlichstem Elend leben. Das wird über diesem Gerede über China und Indien immer vergessen, dass in beiden Ländern ca. 800.000.000 bitter arm sind. Gut, ich wäre traurig, wenn wieder diese Politik der Verzweiflung bei den jungen Bruder käme, wie damals bei diesem Häuflein Abenteurer, von denen zwei ja auch mich Morgen für Morgen als Frühstücksgäste beglückten. Witziger Gedanke übrigens: „Pension RAF, Kreuzberg, nette Atmosphäre und strammer Max wie zu Hause“. Nein, eine solche Verzweiflung bis hin zur Ermordung von Politikern und Wirtschaftsführern wünsche ich ihm nicht, weil ich auch nicht an solche elitäre Politik glaube, nie geglaubt hab. Damals, wenn ich Ihm diesen Einwand brachte, dann konterte Er mich mit „Na und, wie viel hatte Lenin denn 1917 und wie schnell gehörte ihm der ganze Laden. Oder Fidel Castro oder Mahatma Gandhi“, halt nein, den letzten erwähnte er nie, der war ja nicht links. Musste ich ihm damals schon Recht geben, es gab wundersame Zusammenbrüche von Riesenreichen, immer wieder in den letzten 2000 Jahren, aber sie waren nicht gewollt, sie geschahen, weil diese Reiche ihre Substanz verloren. So auch bei der kleinen DDR aber auch bei der großen Sowjetunion 1989. Aber da waren wir schon lange nicht mehr in Kontakt, irgendwo in irgendeinem Knast hatte ich Deine Spur verloren, aus Feigheit auch nicht nachgehakt, sonst wäre es mir anfangs noch leicht gewesen, zu Deinen Prozessen zu gehen und dann Dich auch in der Haft zu besuchen. Aber auch Revolutionäre Freundschaften haben ihre Halbwertszeiten, manche erleben sogar einen radikalen Zerfall, um ein wenig mit den Worten zu spielen.

Weiterlesen …

6. Westend

Zurück in den Westen also, mit kleinem Umzugswagen, es ging ja noch durch die Deutsche Demokratische Republik, sicher nicht höflich zu den Transitreisenden und das seit fast 30 Jahren, aber immer noch organisierte Staatsgewalt, ein Dorn im Fleisch des reichen Westens.

In Frankfurt wartete eine kleine Zweizimmerwohnung auf mich und ein paar Bekannte aus der Szene. Selbst mir graue Maus folgten die 70-er treu und brav hinterher. Ich packte also alles aus an den ersten Wochenenden, packte manches auch wieder zurück in den Keller, weil ich es einfach nicht mehr sehen wollte, z.B. Tennisschläger meines kleinen Studenten und das Fernglas meines kleinen Terroristen (ich habe mich entschlossen, ihn für den Rest des Buches so zu titulieren, er kommt mir über das Schreiben wieder immer näher) und meine Staffelei, 15 Jahre hatte sie in Berlin in der Ecke neben dem Fernseher gestanden, nie benutzt, aber jeder neue Besucher stellte beim ersten Blick durchs Zimmer die Frage „Malst Du“, eigentlich eine peinliche Frage für mich, da ich doch seit dem Abschied aus der schwäbischen Heimat auch nicht mehr einen einzigen Pinselstrich gewagt hatte und, da mir, wenn die Frage von einer männlichen Neueroberung kam, mir stets die Antwort auf der Zunge lag „Nein, aber Dein Pinsel interessiert mich“. Ganz nebenbei, einen Besucher hab ich tatsächlich mal dazu verführt, sich mit eben diesem auf einer Leinwand zu verewigen, naja, für die Ewigkeit taugte es nichts bei der Verderblichkeit der Farbe und dem Geruch, aber für ein paar Tage ließ ich sie schon auf der Staffelei, bevor sie dann in den Abfall wanderte. Dann begann wieder das Einerlei, vor dem ich aus Berlin geflohen war, Aufstehen – Kindergarten – Supermarkt – Küche – Fernseher, und ab und an mal wieder auf Einladung in die Kneipe. Und trotzdem fühlte ich mich wie neugeboren, wenigstens die „Mauer“ drückte nicht mehr in meinem Gehirn. Rund 15 Jahre Berlin waren fast zu lang gewesen, die Mauer hatte begonnen, in mein Hirn hinein zu wachsen, bei jedem kleinen Spaziergang dort hinten in Kreuzberg war man gegen sie gestoßen und wenn man denn mal aus Berlin mit dem zu Auto oder Zug fliehen wollte, dann immer diese schlechte Verschnitt preußischen Gardesoldaten an der Grenze, mit ihrem widerlichen sächselnden, angesäuerten menschenfeindlichen Akzent. Ich glaube, in Berlin bewachten nur Soldaten aus der Honecker-Provinz ihre Landsleute, besser Republikleute, denn wie stolz stand auf jeder Raststätte „Deutsche Demokratische Republik“, „Deutsche“ stimmte, wenn auch mit Einschränkungen, denn es war schwierig, die Russen zu übersehen. „Republik“ stimmte auch, aber gleichfalls mit Einschränkungen, denn die Öffentlichkeit musste sich oft sehr verstecken, wie bei Sympathie für Biermann etwa. Aber wie man diese Gesellschaft als „Demokratisch“ bezeichnen konnte, war mir während meiner ganzen Zeit ein Rätsel, er hätte man von „Stasikratisch“ sprechen können, denn dessen Riesenheer an Spitzeln übte ja wirklich eine Herrschaft bis in die letzten Zellen des Volkskörpers aus. „Volkskörper“, vielleicht sollten wir tatsächlich den Sprachgebrauch des Dritten Reiches noch mal bewusster aufleben lassen, nach 50 Jahren Verdrängung. Verdrängung kostet unnötige Kraft und führt zu Entzündungen oder …

Weiterlesen

5. Back to the Roots

Im weiteren Sinne: es ging nämlich nach Frankfurt, zu den Hessen und nicht zu den Schwaben und das macht schon einen Riesenunterschied, auch noch Mitte der achtziger Jahre.

Berlin war unerträglich geworden, mein Leben stagnierte, morgens in den Kindergarten, nachmittags und abends zu Hause. Ich interessierte mich für nichts mehr, nach dem Flop mit den Bagvans. Ins Kino oder in die Kneipe ging ich nur, wenn ich angerufen wurde, eingeladen. Ich war in meiner eigenen kleinen Isolationshaft gelandet, aber ich war auch von eigener Wärter.

Also setzte ich mich am Wochenende hin und schrieb zwei Kündigungen, an meine Vermieterin und an meinen Arbeitgeber. Letzteres fiel mir schwerer, hatte ich mich doch dort in den letzten Jahren echt wohl gefühlt, aber ich spürte, dass dieses Wohlbehagen eine Sackgasse geworden war. Es forderte mich nicht genug, um mich zu begeistern, aber es ließ mir auch nicht genug Kraft, um noch ein Privatleben aufrecht zu erhalten.

Aber was heißt schon Privatleben? Jetzt sitze ich hier an meinem PC, draußen wird’s gerade richtig dunkel, es ist ja erst Anfang März, oben links im kleinen Fenster mit acht mal acht Zentimeter läuft die Sportschau, ich bin eine der wenigen Frauen, die ich kenne, die jeden Samstagabend sich die Sportschau im ersten reinzieht, mit einer Flasche Bier, heißer Fleischwurst oder wie immer die auch heute heißt, jedenfalls Import aus dem Pfui-Land, dem Land des großen Bruders und die Füße auf meinem Wohnzimmertisch. Wenn sie jetzt denken, ich groß und schwer mit breiten Schultern und tiefer Stimme, dann täuschen Sie sich völlig, nein, ich bin 1,70 m hoch aber schlank und ohne Fettpolster. Also ganz attraktiv, finde ich wenigstens, aber halt nicht mehr die Jüngste, so um die 50, genauer möchte ich jetzt an dieser Stelle nicht werden. Hier in der Schweiz spielt das sowieso keine große Rolle, die Schweizer Männer sind nun mal gar nicht Fall, sind die ET’s für mich, Wesen aus den unendlichen Tiefen der Galaxis. Meine Kolleginnen hier sind mir auch nicht vertraut, aber nicht so fremd wie die Männer. Jetzt leb ich schon zehn Jahre hier und dennoch: keine Beziehung auf Dauer und wenn ich mal wirklich glaube, ich ersticke ohne Zärtlichkeit, dann fahre ich mit dem Zug heim ins Reich, nach Frankfurt oder fliege nach Berlin, dort hab ich meine Vergangenheit als Frau gelassen und auf die Gegenwart warte ich jetzt schon eine Ewigkeit.

Ja, was heißt schon Privatleben, was heißt privat und was heißt leben? Damals, mit ihm in Kreuzberg, er voller Pläne, die ganze Welt zu verändern, gerechter zu machen, er war kein Träumer und erkannt auf die Geschichte der selbst ernannten sozialistischen Staaten mit ihren Fehlschlägen und ihrer Entartung zu Diktaturen statt zu Volksherrschaften, wenn ich als Deutsche das Wort Volk gebrauchen darf. Das erste Mal, sich nach dem Krieg plötzlich niemand mehr daran stieß, war beim „Wir sind das Volk“, skandiert wie wir damals beim „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“. Damals stand das ostdeutsche Fußvolk über jeden Verdacht des nationalistischen Gedankenguts, heute traut ihnen da keiner mehr benötigt, wie ich das von hier aus den Bergen beobachten muss. Deutschland ist zerrissen, mehr als zu Zeiten der Mauer und der Westen leidet am Ausfluss des Ostens. 40 Jahre waren sie gezwungen worden, gute Menschen zu sein, nachdem sie zwölf Jahre die gleichen Monster wie die Wessis waren, „heute Paris und morgen die ganze Welt“, das größte Erziehungsexperiment in der deutschen Geschichte, noch größer als das nationalsozialistische, weil mehr als dreimal so lang und zudem unter der Regie des stalinistischen Lehrherrn, der ja zu Beginn auf 40 Jahre Erfahrung im Unterdrücken individualistische Freiheit verweisen konnte, wenn man mal von den Selbstverwirklichungseskapaden des Herrn Josef und seiner Provinzfürsten absieht. Eigentlich ist es gleich, wie sich die Systeme nennen, letztlich läuft alles auf drei Faktoren hinaus: eine Elite, die sich selbst verewigen will, technischer Fortschritt – gepaart mit einer Verwüstung der Umwelt und die breite Masse, die umso mehr konsumieren darf, je geschickter sie sich zu organisieren weiß. Das nannte sich 50 Jahre lang Kalter Krieg, aktuell wird eben nach einem neuen Namen gesucht.

weiterlesen

4. Wiedersehen

Auf die unerwünschte Art: beim Tanken sah ich doch mal auf eines dieser Fahndungsfotos von „Terroristen“, ich weiß, das sollte in meinem Text eigentlich kein Gänsefüßchen stehen, aber auch heute kann ich nicht darauf verzichten. Es tut mir immer noch weh, meinen damaligen Freund als Kriminellen bezeichnet zu sehen, schlimmer noch, als Terroristen. Schon damals war schöpferisch gespalten, ich hätte es lieber gesehen, wenn die Menschen getötet worden wären durch Menschen, die eigentlich nur Gutes tun wollen. Wer gab ihnen das Recht dazu, Gott zu spielen, diesen Ausdruck zu gebrauchen, ich bin eigentlich religiös sehr unsicher. Und wer zog dann die Grenze zur persönlichen Willkür, wo ein Todesurteil gefällt wurde, weil die Gruppe einfach schlecht drauf war, psychische Probleme hatte durch die ständige Prüfung und durch die zunehmende Ablehnung bei früheren politischen Freunden. Es war ja tatsächlich so, die anfängliche Faszination, dass da welche echt den Mut hatten, sich Waffen zu besorgen, Banken zu überfallen und den Staat herauszufordern, schwand dann doch schnell im eigenen Alltag. Das Studium war zu Ende, wir mussten lernen, uns im Beruf zu behaupten und oft vergaßen wir monatelang die RAF. Andere Probleme oder Problemchen hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Und dann, wie eine Bombe, platzte über den Nachrichtenticker eine Meldung in unser Leben: die RAF hat … Und ich spreche hier mal von „uns“, weil es ja nicht mein Problem war, weil ich ihn persönlich kannte und er damals mit dieser Frau täglich ein halbes Jahr in meine Wohnung kam. Klar, vielleicht war ich näher dran gewesen als die meisten anderen Sympathisanten, aber ich sollte mich auch nicht mit fremden Federn: es war nicht mehr als klammheimliche Freude, wenn wieder mal was passiert war durch die „Freiheitskämpfer“. Ich empfand sie nicht einmal als Freiheitskämpfer, es war einfach ein alter Freund dabei, jetzt auch auf den Fahndungsfotos und das verband, wie auch immer. Sicher war mancher von denen, die bei den Nazis Juden jahrelang versteckten, deswegen kein Antinazi gewesen, sondern sie mochten einfach die Opfer und konnten nicht umhin, ihnen zu helfen. Hier war es natürlich anders: die Juden waren unter den Nazis von den Nazis in die Opferrolle gedrängt worden, das konnte man hier bei der RAF nicht behaupten, sie hatten selbst diesen Weg gewählt und selbst diese Wendung des Schicksals herausgefordert. Nehme ich zumindest an, ich war ja nicht bei den Diskussionen der Gruppe dabei. Aber es war ihnen sicher von Anfang an klar, dass sie mit Bank, Bombenanschlägen und Entführungen Terrain betraten, wo der Staat sie gnadenlos verfolgen würde ich hatte aus Angst deshalb nicht mitmachen wollen, aus Feigheit, wie er dann stets zu mir zu sagen pflegte. Stimmt, ich hätte nie auf einem Fahndungsfoto enden mögen, ich hatte auch keine Lust, ständig mit Angst durch die Straßen zu laufen. Dafür hätte mich auch nicht das Gefühl entschädigen können, dass einige Funktionsträger des Staates vielleicht Angst vor mir hatten.

 

Nein, das war nicht meine Welt! Es schade, dass wir politisch so wirkungslos geblieben waren 1970-er Jahre, aber richtig bedrückt hat mich das trotzdem nicht. Global gesehen, ein heute ja so beliebter Begriff, waren wir ja sowieso lächerlich unbedeutend. Wen in den zahmes von Afrika, Asien und Südamerika interessierten denn wirklich ein paar verzweifelte Studenten im reichen Europa. Die interessierte doch noch nicht einmal Deutschland als Staat, obwohl wir doch Exportweltmeister waren seit vielen Jahren. Was die interessierte war tägliches Überleben und ihre Politik beschränkte sich auf alljährliche Pogrome, in denen es zu fürchterlichen Metzgerszenen kam. Beckenbauer, ja den kannte jeder auf der ganzen Welt, wenn man den als Unterstützung Befreiungsbewegungen hätte gewinnen können, das wäre was gewesen. Aber unser Kaiser interessierte sich halt nicht für Politik, der machte sie einfach, indem er den Fußball mächtiger als je zuvor machte.

weiterlesen …

3. Hare Krishna

Ich habe ihn dann nie mehr wieder gesehen, meinen Studenten, meinen lieben. Damit war ich mir mit meiner verbleibenden Wohngemeinschaftspartnerin einig, noch so ein Schwein, verpisst sich einfach (das ist eigentlich nicht meine Sprache, aber meine Wohngenossen, eine Rita aus Berlin, kleiner als ich, aber dafür mit echt Berliner Schnauze) und träumt weiter seinen Machotraum von der Selbstverwirklichung. Ach ja, diese Männerträume! Als Frau kann man auch heute, im 21. Jahrhundert, noch sein Leben damit verstreichen lassen, Männer, die man liebt, bei ihren Abenteuern zu begleiten und zu beobachten. Das haben die ja sowieso gern, die Buben, Publikum für eine Show, wo das Publikum mangels Begabung ausgeschlossen bleibt, zum Beispiel beim Sprung vom Zehnmeterbrett. Ich hab ihn Jahre später, er war inzwischen wieder in Berlin bei einer Computerfirma und verdiente für meine Verhältnisse fantastisch, nochmals im Büro angerufen und um Geld gebeten. Ich hatte damals meinen Job hingeworfen und mich einem Baghvan angeschlossen und wollte jetzt nach Oregon gehen, zum Aufbau einer Kommune, und dort konnte ich nicht umsonst arbeiten, nein, ich musste sogar noch Geld dafür bezahlen. Eigentlich eine wahnwitzige Situation, man bezahlt Geld dafür, dass man arbeiten darf. Aber mir stieß das damals nicht übel auf, ich erhoffte mir ja Erleuchtung und dafür fehlten mir halt ca. 5000 D-Mark, die genaue Zahl hab ich vergessen. Ein Anruf genügte und ich hatte das Geld von ihm. Auch keine langen Diskussionen, für ihn waren das netto zwei Monatsgehälter, sagte er und die Arbeit machte ihm tierisch Spaß, sagte er, der alte Antikapitalist. Aber hier hatte ihn das System geschickt verpackt angeschmiert, neue Technologie, antiautoritäre Betriebsformen, gute Bezahlung. Vergaß unser Held den Kampf der letzten zehn Jahre, die Not Afrikas und Südamerikas. Plötzlich interessierte er sich brennend für das Innere eines IBM-Großrechners, so als sei da die Antwort auf alle Fragen, die er und seine Freunde vor gar nicht so langer Zeit so prägnant formulieren konnten. Nein, ich hab ihn nicht zur Rede gestellt, vielleicht auch deshalb, weil ja auch mein Wechsel nach Oregon in die Kommune auch nicht viel anders war. Ob man sich jetzt in Berlin in einen Computer verliebt oder in Oregon in einen Weisen, kommt eigentlich auf das Gleiche hinaus: dadurch wird kein Kind in Afrika vor dem Verhungern gerettet.

Die Zeit in Oregon war dann eine Riesenenttäuschung, es sei denn, man freut sich, dass ich dadurch für immer vom Sektenglauben kuriert wurde, geläutert nach Deutschland zurück kam und gerne wieder in das Erziehungswesen zurückkehrte. Und so wie bei Vielen: das Berlin der wie auch immer politischen Szene zerbröselt langsam und dann immer schneller. Die K-Gruppen hatten sich alle aufgelöst, war sowieso nie meine Couleur aber wenigstens waren sie konsequent und voll guten Willens „Jawohl, wir glauben daran, dass wir genug werden, um dieses gewaltige kapitalistische System zu stürzen“. Aber auch Maoisten bekommen Kinder, auf die engagiertest und plötzlich ist sie wieder da, die Geschichte vom Saulus, der zum Paulus wird. Aus Marxisten wurden gute Abteilungsleiter, man konnte ja froh sein, dass das System nicht nachtragend war, in der Sowjetunion oder China wäre ihnen nicht so schnell verziehen worden, den Systemgegnern. Und aus kleinen Maoisten Kindern wurden Schulkinder, dann Studenten, und siehe da, nichts war hängen geblieben, bei den Kindern nicht wie auch bei den Eltern. Viele meiner Berliner Bekannten gingen ja dann zu den Grünen, auch mein Student.

2. Mein lieber Student

Mein lieber Student

War mir damals wirklich völlig egal. Ich hatte mal wieder eine unglückliche Beziehung, Student, zwei Jahre älter als ich, völliger Chaot und natürlich – Sympathisant des Bewaffneten Kampfes. Obwohl man das an seiner damaligen Lebensform überhaupt nicht erkennen konnte, brav ging er jeden Morgen zur Uni, na ja, ich schätze, es war eher Mittags, aber er stand morgens mit mir gemeinsam auf, kaufte beim Bäcker Brötchen, vielleicht noch ein bisschen schmusen oder mehr, da war er wirklich gut drin, eigentlich das Beste, was ich bis heute erlebt hab im Bett, der wollte und konnte ja immer, aber sonst: wie gesagt, der totale Chaot! Studierte Wirtschaft an der FU und der TU Berlin, machte an der TU im Moment auch sein Examen, bezeichnete sein Studium als „Ausbildung der künftigen Offiziere des Kapitals“, weshalb er natürlich nie in diesem Beruf arbeiten würde, er wollte es halt nur verstehen, um sie besser bekämpfen zu können. Tja, das Kämpfen! Bei der Bundeswehr war er ja kurz vorher, sogar bei der Militärpolizei, nachdem er sich eigentlich verweigern wollte, aber so war er damals schon, Himmel hochjauchzend und zu Tode betrübt, ließ er sich von einem General in einem einstündigen Gespräch vom Verweigerer zum Offiziersanwärter umdrehen. Um dann in der Bundeswehr wieder den Antimilitaristen zu spielen. Eine Linie erkenne ich beim besten Willen nicht in seinem Leben, aber wenn ich ihm das sagte, dann wackelte die Bude. Als hätte ich ein Monster aus dem Tiefschlaf geweckt. Dann tobte er rum, schrie, nein, er schlug mich nie, hätte sein Vater auch nie gemacht, sei gegen die Ehre eines Mannes. Männer schlagen sich gerne mit Männern, aber nie gegen Schwächere, also auch nicht gegen Frauen und Kinder. Ein Mann hat seinen Stolz, der kämpft nur gegen Stärkere. Vielleicht daher auch dieser über starke Wunsch, sich mit Polizisten rum zu prügeln. Hab ihn dabei ein paar Mal beobachtet, war ja für mich Pflicht, in seiner Nähe zu sein und ihn zu “ bezeugen“, wie er sich ausdrückte. Er war ja allen Polizisten völlig überlegen, topfit, grade aus der Eliteeinheit der Bundeswehr, na Kämpfer und dann diese braven Berliner Familienväter. Mein Gott, wir er die verarscht hat, auf gemischt, aber richtig weh getan hat er ihnen nie. „Tun mir eigentlich leid, diese Schwachköpfe! Werden ja auch wieder nur vom Kapital missbraucht, wie immer seit Bismarck!“ So seine Rede. Ich habe ihn mal am Funkturm beobachten „dürfen“, vor dem Messegebäude, innen der Kanzler, der rosarote Sozi Panther, der ehemalige Nazileutnant, der stramme schmucke Kerl, und draußen mein Schatz mit einer Hand voll seiner Sorte und dann drum herum als Komparsen Hunderte von Polizisten und Tausende Demonstranten. Aber die Musik machte nur er mit seiner kleinen Truppe. Immer wieder Provokationen und dann knallten sie wieder durch, die Grünfracks mit ihren Knüppeln und Wasserwerfern und es ging um die Straßenecken, bis den Polizisten die Beine weh taten. Ich hab auch damals nie „Bulle“ gesagt, höchstens wenn ich Angst hatte bei Demos, deshalb bleib ich auch heute dabei, hier in meinem Zimmerchen in Zürich, ich, die Fremdarbeiterinnen des neuen Jahrtausends, die „Pfui“ aus dem Land des großen Nachbarn. An dem Abend war er echt grün und blau, von Kopf bis Fuß, aber glücklich noch in der Badewanne sang er „wer hat uns verraten, die Sozialdemokraten …“ Und strahlte mich an und blinzelte stolz auf sein dirigiertes Glied. Tja, der Sex, das war das Gute für diese Freiheitskämpfer, nicht irgendwo verdreckt in den Schützengräben von Stalingrad, ohne die Freuden des Leibes einer Frau, sondern alle paar Wochen einen spektakulären Einsatz in den Straßen der Metropole und dann nach Hause und gemütlich baden und etwas Liebe und vielleicht sogar noch ab Mitternacht ein paar Stunden studieren. „In so einer Nacht behalte ich in zwei Stunden soviel wie sonst in einem Monat“, pflegte er mir vorzutragen. „Erst das Hirn reinigen im Straßenkampf und dann BWL und Statistik und Außenhandelstheorie. Das pfeift dann rein wie eine Droge.“

weiterlesen

1. Aller Anfang ist schwer

In diesem Fall jedoch nicht: Richard und Friedrich kennen sich seit 1972, seit ihrer Zeit in Berlin tief unten im Kreuzberger Multikultsumpf, obwohl es diesen Ausdruck damals noch gar nicht gab die Zahl der deutschen Studenten und Sozialhilfeempfänger noch größer war als die der türkischen Mitbürger. Die Türken waren auch noch kein Problem, sie liefen neben her, unbeachtet. Sie träumten in ihrer eigenen Welt und wir genossen es, türkische Süßspeisen in ihren Läden zu kaufen. Nein, nicht klauen, geklaut wurde nur im großen Stil, zum Beispiel in Banken und da auch nur aus Prinzip, weil die beiden die Banken ja hassten, Banken gehörten zum „imperialistischen System“ und das musste besiegt werden.

Welche Rolle ich dabei spielte: mein Name ist Annette, die nette, aus Schwaben, eben deshalb auch oft so zitiert als „A Nette“, ich hatte eine kleine Dreizimmerwohnung in Kreuzberg, ganz tief unten, kurz vor der Mauer und Friedrich und eine Unbekannte kamen jeden Morgen in meine Wohnung, so um neun Uhr, legten ihre Colts auf den etwas ärmlichen Wohnzimmertisch, weit reichte mein Gehalt als Erzieherin ja nicht und finanziell unterstützt werden von den Robin-Hoods wollte ich ja auch nicht, war ja nicht mehr als Freundschaft, die mich mit ihnen verband. Politik war ihr Bier, meins war, ein gutes Frühstück mit frischen Semmeln und gutem Schinken zu organisieren, dann einen gut duftenden Kaffee, die Zeitungen brachten sie immer selbst mit, meist ein halbes Dutzend, noch eine kleine gemeinsame Viertelstunde dann musste ich ja immer auf schnellsten Weg zum Kinderladen, meinem Arbeitsplatz. Ich ging gerne arbeiten und unpolitisch war ich auch nicht, um das mal klarzustellen. Ich hatte nur keine Lust, Menschen für meine Ideen zu töten, davon hatten wir genug zu Hause miterlebt, mein Vater bis Stalingrad gezogen und und später in seiner Erinnerung jede Mitschuld verdrängt. Aber ist ja klar, in diesem Krieg waren Menschen abgeschlachtet worden wie nie zuvor in der Menschengeschichte. Auf der Gegenseite der „Große vaterländische Krieg“ unter der Regie eines Monsters, passend zu unserem Monsterführer. Nein, vom politischen töten hatte ich, hätte ich auch nicht den Mut zu gehabt. Und vielleicht lag darin ja die Motivation, den beiden zu helfen: Bewunderung für ihren Mut. Bewunderung ist ein Gefühl, da kann der Verstand leicht unterliegen. Mut übrigens auch, vielleicht handelten die beiden auch aus nur einem Gefühl heraus oder vielleicht sogar nur aus dem Wunsch, ein gutes Gefühl zu bekommen, nein, das klingt zu flach, ein supergeiles Gefühl, so wie früher, wenn wir die Heldengeschichten gelesen haben.

 

So, hier an dieser Stelle muss ich unterbrechen, ich arbeite immer noch als Erzieherin, hatte damals das Glück, dass niemand von unserem Idyll zu dritt in Kreuzberg erfuhr, so konnte ich weiterhin mein bescheidenes kleines Leben mit Kindern weiterführen. Ich muss also gleich los zu „meinem“ Kindergarten, einem schweizerischen übrigens, ganz in der Nähe von Zürich, dahin lockten mich vor 15 Jahren die guten Gehälter aber auch und vor allem das Gefühl, Abstand zu Deutschland zu haben, von draußen meinen Brüdern und Schwestern zugucken zu können und eine kleine rechtslose Ausländerin zu sein, eine vom großen Nachbarn, der uns im Zweiten Weltkrieg sechs Jahre nicht ruhig schlafen ließ aus Furcht vor der Invasion. Es ist besser, den Mund zu halten in der Öffentlichkeit, die Eidgenossen lieben Hochdeutsch nicht, aber mir ist es recht: ich spreche acht Stunden mit meinen Kindern im Kindergarten, die sind noch unverdorben und wenn mich das Bedürfnis, mit Menschen zu reden, überwältigt, dann geh ich hinauf in die Berge, immer die gleiche Strecke zu Vreneli’s Gärtchen und da spreche ich mit den Ewigen weit weg von uns. Nachts ist das besonders einfach, wenn ich aus der Berghütte trete, all die anderen Ehrgeizigen schlafen fest, um morgens ganz früh zu sein, dann steh ich stundenlang unter dem schwarzen Himmelszelt und flüstern mit den Großen ganz hinten in der tiefen Finsternis. Und oft dachte ich dort auch an Friedrich und seine Begleiterin, an die beiden, zu denen ich jeden Kontakt verloren hatte, nachdem sie nicht mehr in meine Wohnung kam. Ging damals nicht mehr, so ein Service war nur ein paar Wochen möglich, sechs Monate, wie es zum Schluss aus unserem gemeinsamen Wohlbefinden heraus wurden, war sowieso sträflicher Leichtsinn gewesen. Was die beiden der tagsüber trieben, habe ich nie gefragt, ging mich eigentlich auch nichts an. Ich kannte Richard aus einer kurzen gemeinsamen Affäre, kurz aber leidenschaftlich, danach war er dann leider unzufrieden mit meiner „politischen Zögerlichkeit“ und ich verlor ihn aus den Augen. Wir hatten uns im Leierkasten kennengelernt,  beim Bier, eins ergab das andere und am dritten Abend in dieser Woche landeten wir Bett. Das war übrigens das einzige Mal, dass ich an drei Abenden hintereinander in Kneipen, in meinem ganzen Leben, ich bin eigentlich eine Kuschlerin, sitze lieber zu Hause im Sessel eingeholt und träume vor mich hin, aber in dieser Woche trieb es mich in diese Kneipe, in das Gespräch mit ihm und dann schließlich in seine Arme. Ich war fasziniert von seiner Entschlossenheit, seinem Blick, wenn er davon schwärmte, die Amerikaner, „diese Scheißamis“ sagte er immer, auf die Knie zu zwingen. Nein, natürlich nicht mit dieser Hand voll Abenteurer in Deutschland, das war mehr nur symbolisch, aber mit dem vietnamesischen Volk.

Dieses kleine Volk gegen diesen riesigen „Imperialistenhaufen“, so nannte er das westliche Bündnis unter Führung der Amerikaner, allein im Dschungel, siegend durch Tapferkeit und List. Nein, Studieren war nichts mehr für ihn, solange noch immer Völker daran gehindert wurden, selbstständig über ihr Schicksal zu entscheiden. Diese Worte sind in meinem Gedächtnis eingebrannt, so wie er sie sagte.

 

Ich hatte sie damals in den Jahren in Berlin ja tausendfach gehört, deswegen war ich ja nach Berlin gewechselt 1970, um diese Sprache zu. Zu Hause im Schwabenland war ja nur die Rede von Bausparverträgen und Autos und Reisen dann immer dieses „Mädel, reiß Dich zusammen, bald musst Du auf eigenen Beinen stehen, und dass Du uns dann keine Schande machst“. Ich nicht gemacht, Glück gehabt, liebe Eltern, die Schmach hab ich Euch erspart. War ja eigentlich auch eine kleine graue Maus ihr, aber den Mut, nach Berlin zu gehen, habe ich wenigstens gehabt. Mein Gott, war das damals ein Gerede bei meinen Schulfreundinnen, “Haste schon gehört, die Annette, in Berlin ist sie jetzt! – Ja, wir seien zu blöd, zu provinziell – aber in ein paar Jahren wird sie wieder hier auftauchen und jammern und von uns wieder aufgebaut werden wollen! – Naja, die wird enden wie die Meinhof! – Quatsch, dazu fehlt ihr das Format, bringt doch nichts zustande!“. Zumindest damit hatten sie recht, für etwas Bewegendes fehlte mir das Format, ich hatte zwar den Ort gewechselt, aus dem Schwabenland nach Berlin, aber ich ihm die Gleiche. Die Regeln auf den Teach-ins, wie das damals hieß, prallten an mir ab. Ich ging dann auch ziemlich schnell nicht mehr hin, wozu auch, aber von den großen Demos die sich keiner aus. Das war etwas ganz anderes so mit zu schwimmen im großen Strom der Gefühle und zu rufen „Amis raus aus Vietnam“ und viele andere Sprüche, das war wie früher als Kind mit Papa im Daimler-Stadion in Stuttgart, wenn unser VfB gewonnen hatte. Irgendwie bleibt alles im Leben immer auf diesem Niveau, vor dem Spiel und nach dem Spiel und die Niederlagen vergisst man auch am liebsten.